Warum nur Facebook überleben wird

Es gibt momentan so viele Webdienste wie noch nie zuvor. Die Mitteilungs–Generation hat Möglichkeiten wie StudiVZ, Twitter, Facebook, MySpace und co. um Freunde und bekannte auf dem laufenden zu halten und Kontakte zu pflegen. Doch welcher dieser Dienste wird auf Dauer überleben? Die Geschichte des Web zeigt es: Bisher hat sich immer ein Dienst durchgesetzt. Anfangs war die Auswahl groß, am Ende kristallisiert sich ein favorisierter Dienst unter den Nutzern heraus.

Warum bin ich der Meinung, dass es Facebook sein wird? Ich werde es versuchen zu erklären.

Ich bin eine Art „Old-School“/“New-Generation“-Hybrid-Nerd. Ich würde gerne privat Linux nutzen (Old-School), bin aber zu faul (New Generation) und nutze deswegen einen Kompromiss aus Linux und Windows – nämlich MacOS X. Ich habe (momentan) keinen Facebook-Account (Old-School), nutze aber YouTube, Twitter und blogge an vielen Stellen (New Generation). Dieses Hybridverhalten ist wirklich nicht immer leicht.

Als erstes sollten wir die populärsten Webdienste betrachten, die es momentan gibt. Da wäre z.B. Flickr für Fotos, ICQ/Skype für Instant Messaging, Twitter für Kurznachrichten und Facebook bzw. StudiVZ/MeinVZ in Deutschland, für alles andere. Schaut man sich nun an, wie viele dieser Dienste Facebook bereits anbietet, dann erkennt man schon langsam, in welche Richtung die Reise geht.

Facebook bietet Statusupdates (nichts anderes als das, was wir auf Twitter machen), die Möglichkeit Fotos ins Netz zu stellen (das machen wir bisher mit Flickr) und zusätzlich noch die Möglichkeit seine Kontakte zu verwalten, zu speichern, Kurznachrichten auszutauschen und seit neuestem sogar einen in IM-Clients integrierbaren Chat.

Die User, die Facebook momentan hat, dürften zum Großteil zwischen 14 und 30 Jahre alt sein, keine Ahnung vom Web, IT und Technik im allgemeinen haben und sich auch nicht um den Datenschutz kümmern. Diese Zielgruppe findet auf Facebook alles, was sie brauchen. Demnächst kommt noch ein E-Mail-Dienst dazu und schon wird aus dem „Internet“ schlicht und einfach „Facebook“.

Integriert Facebook jetzt noch Youtube mit all seinen Videos inkl. Suchfunktion und die meisten Nutzer brauchen nur noch eine einzige Website. Woraus ziehe ich diesen Schluss? Ich beobachte Menschen, die wirklich in diese Zielgruppe fallen. Ich kenne einige Leute, die mittlerweile alles über Facebook machen. Früher gab es für die Clubtreffen des Auto-Clubs ein Forum, heute gibt es eine Facebook-Gruppe. Früher nutzte man ICQ, heute gibts den Facebook-Chat. Früher wurden Fotos per E-Mail geschickt, heute werden sie auf Facebook hoch geladen. Wenn ich neben solchen Leuten sitze, dann schüttle ich mit dem Kopf und frage mich, ob es nicht gefährlich ist, sein gesamtes Leben im „Cyberspace“ ein und der selben Seite in den Rachen zu werfen. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar, dass die Einfachheit von Facebook und den angebundenen Diensten die Bedenken der meisten Leute einfach ausblendet.

Das was ich mache ist bei genauer Betrachtung auch nicht viel „klüger“. Mein Youtube-Account heißt wie mein Twitter-Nickname, mein Twitter-Nickname heißt wie die URL zu meinem öffentlichen Google-Profil und von meinem Google-Profil kommt man auf meinem Blog, meine Flickr-Seite und kann sich auch ansehen, was ich gerade für RSS-Feeds lese. Ein Unterschied ist das nicht. Im besten Fall braucht der „Suchende“ 30 Sekunden länger um ein Profil von mir zu erstellen, als wenn er es auf Facebook direkt abfragen kann.

Doch wenn mir das bewusst ist, warum habe ich dann keinen Facebook-Account? Der Nerd in mir sagt mir, dass ich lieber keinen Facebook-Account haben sollte, der andere Teil in mir sagt mir allerdings, dass ein Facebook-Account viele andere Dienste ablösen würde, in denen ich ohnehin ruhigen Gewissens meine gesamte Privatsphäre offen lege. Es ist, denke ich, einfach Situationsabhängig. Sobald der Großteil meines Freundeskreises Facebook effektiv nutzt, werde auch ich mir dort einen Account anlegen. Noch dazu heißt ein Facebook-Account auch Arbeitserleichterung auf ganzer Linie: Ich aktualisiere meinen Status auf Facebook (am besten über das iPhone-App) und schon bekommen meine Twitter-Follower ebenfalls mit, was ich gerade mache. Umgekehrt kriegen meine Facebook-Freunde dank Auto-Share mit, wenn ich ein Video auf YouTube veröffentlicht habe. Facebook ist eine Schnittstelle in alle Richtung. Noch dazu kann man, wenn man möchte, seine Kontakte im Smartphone mit Facebook synchronisieren und bald auch E-Mails über Facebook schreiben. Facebook wird zwar nicht jetzt, aber früher oder später viele Dienste, die wir momentan getrennt voneinander nutzen, ablösen.

Doch warum rede ich, als deutscher, über Facebook? Man könnte doch meinen, dass StudiVZ das Maß aller Dinge sei? Falsch gedacht. Momentan wechseln viele meiner Bekannten zu Facebook. Facebook ist international, Facebook ist groß, bietet Spiele, Apps und schlichtweg mehr Möglichkeiten. Ob der Datenschutz lockerer ist als bei StudiVZ? Das interessiert niemanden. Warum auch? Selbst eingefleischte StudiVZ-Fans die mehr als 100 Freunde haben und seit dem ersten Tag bei StudiVZ angemeldet sind, verlassen nun die Seite. StudiVZ hat verspielt. Zu langsam, zu träge, zu unflexibel. Facebook hat aufgeholt. Mit der Eröffnung einer Niederlassung in Hamburg hat Facebook einen weiteren Schritt in diese Richtung gemacht. StudiVZ wird, auch wenn nicht sofort, baden gehen. Vielleicht sind die Federführer in dem Laden wenigstens noch schlau genug und verkaufen ihre Mitglieder an Facebook. Den Mitgliedern kann das nur recht sein, müssen sie sich doch dann nicht mal um die Portierung ihrer Daten kümmern.

Doch was ist mit Twitter? Twitter ist ein Dienst, der von der Neugier seiner Kunden lebt. Als Twitter kam, hat sich jeder Mensch angemeldet. Geblendet von der Nutzeranzahl haben auch Unternehmen erkannt, dass dort Kunden angelockt werden können. Bill Gates twittert, genau wie jeder Promi der etwas von sich hält. Selbstverständlich sind es in den meisten Fällen nicht die Promis selbst, sondern die Agentur die sich um das Vermarkten der Person kümmert. Aber selbst das ist den Nutzern egal. Gestern dann, sagte ein Bekannter von mir einen Satz, dem eigentlich nichts mehr hinzuzufügen ist: „Twitter? Wozu brauch ich das? Das ist doch bei Facebook schon dabei?“. Etwas ähnliches sagte auch mein Bruder zu mir: „Wieso soll ich etwas auf Twitter schreiben? Dafür gibts doch den Buschfunk auf StudiVZ“. Was will man dazu sagen? Recht haben beide. Wozu bei einem extra Dienst anmelden, wenn die Funktionalität auch im ohnehin genutzten Portal zu finden ist? Vorteile bietet Twitter keine, soviel ist klar. Auch Twitter wird es, mit seinen vielen toten Accounts, über kurz oder lang schwer haben und sicherlich mit der nächsten platzenden Blase untergehen.

Und Flickr? Flickr ist kein Dienst für den Massenmarkt. Die Nutzer von Flickr wissen, was sie tun. Sie wollen Fotos online stellen, einem ausgewählten Personenkreis zukommen lassen und einfach Teil einer Fotocommunity sein. Flickr zählt, meiner Meinung nach, schon lange nicht mehr zur Kategorie der „neuen Webdienste“ wie Twitter und co.. Flickr ist eine klassische Community, wie auch Deviantart und jedes andere Portal. Ich denke nicht, dass die jetzige Facebook-Zielgruppe sich jemals einen Flickr-Account erstellen wird. Die Foto-Funktion auf Facebook reicht für die meisten Nutzer vollkommen aus. Flickr ist kein Mainstream-Dienst.

Doch bei all den Datenschutz-Bedenken, bei der nicht gewahrten Privatsphäre, wie können Facebook und co. da überleben? Ganz einfach: Weil wir aussterben. Wir, die Technik interessierten, die „Nerds“, diejenigen, die lieber vor dem Computer saßen, als draußen Fußball zu spielen, wir sterben aus. Heutzutage setzt sich kein 12 jähriger mehr 10 Stunden am Tag vor den Computer und installiert sich ein Linux auf seinem Rechner. So was wie uns gibt es immer seltener. Die „Jugend von heute“ (oh Gott, ich werde alt) hat andere Dinge im Kopf. Computer sind nicht mehr interessant, sie sind „einfach da“. Während ich wissen möchte wie ein iPhone funktioniert, mir das SDK herunterlade und mir Hello World-Anwendungen zusammen klicke, benutzt der Durchschnittsnutzer sein iPhone einfach. Während ich meine XBox 360 fast zerstöre bei dem Versuch Linux zu installieren, spielt der Durchschnittsbenutzer lieber eine Runde Call of Duty und fragt mich dann: „Wieso macht man denn so was? Was bringt das denn?“ Meine Antwort darauf ist: „Nicht alles was man macht, muss einem von Nutzen sein. Hauptsache man lernt etwas dabei“. Den ungläubigen Blick bekommt man daraufhin sogar geschenkt.

Die Nutzer, die einfach „nutzen“ wollen, dominieren die Welt. Und deswegen erfreuen sich Dienste wie Facebook steigender Beliebtheit. Die Nutzer von Computern denken immer weniger nach und kommen aus diesem Grunde auch gar nicht auf die Idee sich Dienste wie Twitter auch nur anzusehen. Es ist doch ohnehin schon alles vorhanden. Und auch ich denke langsam darüber nach, einfach alles auf Facebook zu verlagern. Warum auch nicht? Wenn ich meinen Standort, meine Laune und meine aktuellen Tätigkeiten mindestens 1x am Tag auf Twitter veröffentliche, dann kann es mir auch egal sein, ob Facebook weiß, auf welcher Schule ich war, welchen Schulabschluss ich habe und mit wem ich befreundet bin. „Schlimmer“ ist das auch nicht.

Die nächste Generation wird sich einfach bei Facebook anmelden und ist dann zufrieden. Alles ist vorhanden, man kann alles machen, was man braucht. Wie lange wird es dauern, bis die anderen Dienste vom Markt verdrängt sind? Wir reden hier sicherlich nicht von Wochen, auch nicht von Monaten und Jahren, wir reden von Generationen. Facebook wird, solange das Geschäftsmodell funktioniert, ewig leben. Von Twitter, StudiVZ und auch MySpace kann man das allerdings nicht behaupten. Zu wenig Nutzer, von denen ohnehin nur ein winzig kleiner Teil aktiv ist. Auch Seiten wie Qik und UStream können demnächst Geschichte sein. Facebook hat weitaus mehr Nutzer als beide Dienste zusammen. Stellt man sich nun vor, dass Facebook einen ähnlichen Dienst vorstellt (Technisch gesehen ist das alles andere als Atomwissenschaft), dann ist Facebook auf einen Schlag Marktführer.

Hält man sich das vor Augen so kommt man um Facebook nicht mehr herum. Facebook hat eine so unglaublich hohe, internationale Besucherzahl erreicht, dass dieses Unternehmen im Grunde kaum noch zu stoppen ist. Ob ich mich jedoch anmelde, das hängt davon ab, ob mein Freundeskreis sich anmeldet. Alleine macht Facebook nur sehr wenig Sinn. Die Zeit wird es zeigen. Bisher bleibe ich jedenfalls Twitter und meinen anderen genutzten Diensten treu. Die Frage ist nur, wie lange.

Just my two cents.

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